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…wertigkeit im digitalen zeitalter

April 6th, 2009

Da ich noch an meinem persönlichen re:publica-Rückblick schreibe, möchte ich diesen kleinen Gedanken davon losgelöst schon mal mit meiner Leserschaft teilen:

Woher kommt es, dass es für uns Kopfarbeiter so schwer ist, für unsere Arbeit vernünftig entlohnt zu werden?
(Disclaimer: Das ist verallgemeinert. Es gibt durchaus auch Kunden, denen die Mühe digitaler Arbeit bewußt ist, und wo die gleich geschilderten Probleme nicht auftauchen.)

Ich bin Webdesigner. Grafiker. Konzepter. Nennen wir es, wie wir wollen, ich bin jedenfalls kein Handwerker im klassischen Sinne. Und genau das macht es für mich so schwierig, meine Arbeit angemessen entlohnt zu bekommen. Man hört so oft Aussagen wie beispielsweise “Ach, das musst du doch nur eben mal programmieren…” oder “Dann da noch schnell ein Bild rein, das dauert ja nicht lange…” oder auch gerne “Ich hab mir das so und so gedacht, das musst du ja nur schnell umsetzen”. Die Liste kann ich beliebig fortsetzen.

Wenn man den entsprechenden Leuten dann einen marktüblichen und fairen Preis nennt, fallen diese meiste recht schnell aus allen Wolken. Und der Grund, den ich dafür ausgemacht habe, ist ein Phänomen, was ich “Schreiner-Problematik” getauft habe. Folgendes:

Wenn ich als Kunde zu einem Schreiner gehe und sage “Lieber Schreiner, mach mir doch bitte einen Tisch und sag mir was es kostet”, dann könnte der Schreiner beispielsweise “Natürlich lieber Kunde, hier schau mal, diese Eiche, da geh ich jetzt hin und klopf dir deinen Tisch da raus. Du siehst, das dauert seine Zeit und deswegen kostet es auch ein wenig mehr, als wenn du etwas von der Stange kaufen würdest” antworten. Alles wäre klar, unter Inaugenscheinnahme des Holzklotzes kann auch ich als Laie nachvollziehen, dass es wohl eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen dürfte, bis der Tisch fertig ist. Also zahle ich den geforderten Preis, denn man möchte den Handwerker ja nicht beleidigen.

Was aber passiert jetzt, wenn dieser Dialog mit einem Webdesigner geführt wird? Der Kunde gibt einen Auftrag, ich nenne einen Preis, er wird natürlich einen der oben genannten Sätze sagen und versuchen mich im Preis zu drücken.

Warum?

Ganz einfach: Der Kunde hat nichts in der Hand. Es gibt einfach keinen Holzklotz, den er sich anschauen kann und sagen kann “Oha, das sieht nach Arbeit aus”. Für ihn gibt es nur die am Ende stehende Datei, das Bild, die Webseite oder was auch immer. Den Entstehungsprozess, der ja im Wesentlichen im Rechner oder im Kopf stattfindet, bekommt der Kunde wenn überhaupt nur in sehr eingeschränktem Maße zu Gesicht – eben anders als bei dem Klotz Holz.

Und das macht es für viele nach meiner Meinung so schwer, für digitale Dienstleistungen einen angemessenen Preis zu zahlen. Der Wille, digitale Dienstleistungen als wirkliches Handwerk zu begreifen (Denn das ist es, jawohl. Leicht daran zu erkennen, dass ich mich mit der IHK beschäftigen durfte, als ich ausgebildet wurde.) ist leider noch nicht sehr ausgeprägt.

Nebenbei bemerkt glaube ich, dass uns diese Denkweise, wenn sie sich nicht radikal verändert, in ein paar Jahren vor gewaltige Probleme stellen wird. Was passiert, wenn digitale Bücher sich durchsetzen? Wenn es immer weniger CDs geben wird? Nur weil wir etwas nicht anfassen können, ist es doch nicht weniger wert.

Daher glaube ich, dass ein Paradigmenwechsel stattfinden muss – weg von dem Gedanken, dass nur haptisch Erfahrbares wirklich Wertvolles beinhaltet und hin zu einer Denkweise, die die kreative Leistung – egal, ob sie sich in etwas Sächlichem oder etwas rein Digitalem niederschlägt – zu würdigen weiß und diese Leistung auch entsprechend belohnt.

henrikg Gedanken , ,

  1. April 7th, 2009 at 06:20 | #1

    Servus zusammen,

    da hast du ja mal ein Thema aufgegriffen, was wirklich zu 100% auf Teile meines Jobs zutrifft, und zu dem ich mich auch mal in der Lage sehe, qualifiziert ein Statement abzugeben. ;-) Für alle Mitleser: Ich arbeite für ein Softwareunternehmen, welches eine Branchenlösung für den Ein- und Mehrfamilien-Hausbau anbietet. Von einer Planungs-, Kalkulations- und Abwicklungssoftware, über diverse Marketinginstrumente bis hin zu Dienstleistungen, welche auch über Unternehmensberatung hinausgehen, z.B. konkrete Planungsumsetzungen für Kunden.
    Soviel zu meinem Hintergrund, ich habe es quasi tagtäglich mit beiden Seiten deines Beispiels zu tun, den technisch-theoretischen sowie den handwerklichen Aspekten. Und: Ich kann prinzipiell, alles was du geäußert hast, nur zu 100% unterschreiben und bestätigen.

    Unsere Kundenspanne reicht vom kleinen 1-Mann-Unternehmen über kleine und mittelständische Handwerksbetriebe bis hin zu europaweit agierenden Konzernen. Und es ist fast egal, auf welcher Ebene man sich gerade dort bewegt, 80% der Kunden sind zunächst einmal von unserer Preisstruktur..hmm…überrascht. ;-) Dies trifft weniger für den Preis der Software selber, als vielmehr für die dahinter stehenden Dienstleistungen zu, und ich denke, dass hat sehr viel mit dem von dir beschriebenen Phänomen des Nicht-Greifbaren zu tun. Dienstleistungen wie Schulungen, individuelle Coachings, Unternehmensberatung, individuelle Software- und Kalkulationsanpassungen sowie die Entwicklung speziell auf das Unternehmen angepasster Marketinginstrumente sind eben zunächst einmal nur Ideen in den Köpfen einiger Menschen, welche für den Kunden zunächst unsichtbar sind, für die er aber trotzdem bezahlen muss, BEVOR er das fertige Produkt übergeben bekommt. Nun gut mag man meinen, einen Kaufvertrag für ein Auto muss man manchmal auch einige Wochen und Monate vor dem Erhalt des Autos unterschreiben. Aber dort hat man als Kunde bereits entweder sein Auto in der exakten Modellausführung gesehen und probegefahren, oder aber zumindest schon eine sehr genaue Vorstellung davon, was einen ein paar Wochen später erwartet. Bei Produkten geistiger Arbeit ist dies im Vorhinein nur schwer bis unmöglich.

    Dieser Problematik sind wir nun entgegengetreten, in dem wir für zu leistende Arbeit nach konkreten Vorgaben (z.B. bestimmte Softwareerweiterungen und Umsetzungen von Hausplanungen), bei welchen das konkret zu erreichende Ziel vorher klar definiert ist, ein Zeitsystem eingeführt haben, nach welchem wir den entstandenen geistigen und technischen Arbeitsaufwand im 5-Minuten-Takt abrechnen. Hierfür bekommt der Kunde vorab eine Art Kostenvoranschlag, zu dem er dann einfach nur noch Ja oder Nein sagen kann (und darf. ;-) ). Für diesen Kostenvoranschlag berechnen wir nichts, bzw. werden bereits angefallene Kosten bei Annahme des Auftrags verrechnet.
    Unseren Erfahrungen nach wird eine solche Vorgehensweise von der überwiegenden Mehrheit der Kunden sehr positiv aufgenommen und als transparent und fair erachtet.

    Schwieriger wird dies hingegen bei theoretischer Arbeit, bei welcher vorher nicht zu 100% klar ist, wie das konkrete Ergebnis nachher aussehen wird, bzw. wie viel Arbeit benötigt wird, um das vom Kunden gewünschte Ziel zu erreichen. Dort arbeiten wir noch mit (niedriger angesetzten) Tagespauschalen, da ein korrektes Abrechnen im 5-Minuten-Takt sicherlich zu diversen spontanen Herzinfarkten auf Seiten der Kunden führen würde, präsentierte man diesen nach Abschluss der Arbeiten die Rechnung. ;-)

    An dieser Stelle sei auch noch einmal ein Beispiel genannt, mit dem speziell wir in der Baubranche extrem zu kämpfen haben: Bis zur Vertragsunterzeichnung treten mehr als 90% ALLER Bauunternehmen, Architekten, etc. in Vorleistung gegenüber den Interessenten und potentiellen Kunden. Alle Entwurfsplanungen, alle Umplanungen nach Kundenwunsch, alle Werbeunterlagen, welche erzeugt werden, um den Kunden zur Unterschrift zu bewegen, werden zu 100% in Vorleistung erstellt und in den meisten Fällen wird auch im Anschluss (nach Vertragsabschluss) hierfür nichts mehr berechnet. Und wir reden hier von stunden-, tage- oder sogar wochenlanger Arbeit!! Und wenn man jetzt noch mit ins Kalkül zieht, dass auf 1 verkauftes Haus in der Regel 8 – 10 Angebote kommen, aus denen nichts wird, dann kann man sich vielleicht vorstellen, wo die Probleme dieser Branche liegen. Und genau hier setzen wir z.B. mit unseren Lösungen an, was aber wieder ein anderes Thema ist.

    Was ich damit sagen will: Unsere Kunden bekommen selber für ihre geistige Arbeit so gut wie NICHTS bezahlt. Dies wird, wenn überhaupt, nachher in geringsten Teilen im Hauspreis mit “versteckt”. Und erst Recht werden sie nicht im Voraus für diese Arbeit bezahlt. Ergo: Sie verstehen nicht, was geistige Arbeit wert ist und wieso es sinnvoll ist, diese auch im Vorhinein zu bezahlen, ohne vielleicht das konkrete Ergebnis zu kennen. Es ist einfach komplett entgegen den Gewohnheiten der Branche, mögen sie auch noch so, Entschuldigung, bescheuert sein.

    Dies soll nur einmal ein konkretes Beispiel sein, welches sicherlich auch zwei Extreme widerspiegelt. Aber es zeigt vielleicht auch nochmal deutlich, wie viel Wahres in dem Gedanken steckt.
    Wir stehen im Moment m.M.n. an einer Art Scheideweg. Auf der einen Seite das “alte” Handwerk und die Industrie, auf der anderen Seite die Dienstleistungsgesellschaft mit ihrem “kreativen” Handwerk. Und diese beiden Welten gilt es zu vereinen, was sich eventuell als Unmöglich herausstellen kann, da, und dies sei als Schlussthese und/oder Provokation verstanden, meiner Meinung nach das Zeitalter der Industrie und des Handwerks endgültig zu Ende ist, und das digitale Zeitalter gleichzeitig die Zeit der Dienstleistungen ist und sein wird. And you’d better pay for it decently….. ;-)

  2. April 7th, 2009 at 06:43 | #2

    Wenn wir entlohnt werden wollen, geht es um Quantität, nicht um Qualität. Quantität des Geldes, das uns angemessen erscheint. Mit diesen Begriffen sei meine Antwort versucht: Quantität und angemessen.

    Wir müssen also etwas quantitativ messen, um zu einem Rechnungsbetrag zu kommen. Messen braucht Einheiten. Kreativität ist nicht zu messen (allenfalls der Erfolg ihrer Umsetzung durch Analyse der finanziellen Auswirkungen des Geschaffenen für den Kunden).

    Zu messen ist hier die Zeit, die ich als Kreativer einsetze, und die zu verwenden Einheiten sind Minuten und Euro. Die Minute ist ja dank Atomuhr etc. definiert; die Zahl der Euros pro Minute ist vorab auszuhandeln.

    Und dann bleibt mir als Kreativem immer noch die Möglichkeit des Gewichtens durch den Spielraum, den mir das Selbstaufschreiben verbrauchter Minuten lässt. Mitunter kommen ein paar mehr, mitunter aber auch besser einige weniger auf den Stundenzettel. Angemessen…

    Habe ich erfolgreich kreativiert, also dem Kunden etwas geliefert, das ihn glücklich macht, und eine angemessene Rechnung gestellt – dann kommt mir der Betrag manchmal als unangemessen niedrig vor. Doch dann schiele ich besser nicht auf die Einzelrechnung, sondern setze auf die Wirkung des Geschaffenen: War das wirklich so toll (wenngleich unterbezahlt), dann zahlt es sich dadurch aus, dass der Kunde oder auch ganz andere Kunden flugs mit nächsten Aufträgen kommen. Das schließt an Deinem letzten Satz an: Wertvolles wird gewürdigt. Manchmal aber erst im Nachhinein und durch Folgeaufträge.

    Wir Kreativen müssen uns immer erst beweisen. Gut so, denn wenn ich das so betrachte, dann gestalte ich ja nicht nur für Kunden etwas wie der Handwerker, der mir die Küchenmöbel schreinerisch anpasst, sondern ich gestalte mein eigenes Profil und meinen Marktwert selbst – bis hin zum Minutenpreis, den Kunden künftig für mein Schaffen zahlen werden.

  3. Anke
    April 7th, 2009 at 12:03 | #3

    Lieber Jan,
    solange sich die Lebensverhältnisse noch nicht gänzlich entmaterialisiert haben, ist das Zeitalter des Handwerks nicht am Ende. Wen rufst du denn bei einem Dachschaden an? Oder meinst du, dass wir in Zukunft keine Häuser mehr bewohnen werden? Passt ja zur neuen Marketing-Kampagne von Windows: “Life Without Walls” ;)

  4. henrikg
    April 7th, 2009 at 12:39 | #4

    @Martin Gertler Genau hier sehe ich den bösen Knackpunkt, der dieses Gedankenkonstrukt leicht brüchig macht: “Zu messen ist hier die Zeit, die ich als Kreativer einsetze, und die zu verwenden Einheiten sind Minuten und Euro. Die Minute ist ja dank Atomuhr etc. definiert; die Zahl der Euros pro Minute ist vorab auszuhandeln.”

    Natürlich ist das richtig. Aber…wenn ich – als Kunde gesprochen – keinen Prozess sehe, habe ich uU ein Problem, Leistung nachzuvollziehen. Der Prozess Holzklotz > Tisch + Haufen Späne ist augenfällig für jeden nachzuvollziehen. Der Prozess Briefing > Denkleistung > fertiges Konzept/Layout eher nicht, es gibt nichts greifbares.

    Hier sei auch das gute alte “Die Teile packense mir aber ein, ich will dat kontrollieren” (auf der Liste der beliebtesten Aussagen in Werkstätten sicherlich auf einem der vorderen Plätze mit dabei) erwähnt, was ungefähr in die gleiche Richtung zielt. Ich will als Kunde etwas anpacken um zu begreifen, was es wert war, es machen zu lassen.

    Und das ist genau der Punkt, wo in meinen Augen der Paradigmenwechsel stattfinden soll, müsste und hoffentlich wird.

    Das Qualität sich auszahlt steht für mich in diesem Zusammenhang allerdings auf einem anderen Blatt.

  5. April 8th, 2009 at 09:15 | #5

    Da hast du vollkommen Recht, aber das meinte ich auch eigentlich gar nicht. ;-) Was sicherlich definitiv vorbei ist, ist die Zeit des REINEN Handwerks. Will ich heutzutage als Handwerker überleben, muss ich mich zwangsläufig mit Dingen wie Marketing, Werbung, Marktpositionierung und Productplacement beschäftigen. Ein Handwerker MUSS gleichzeitig auch Unternehmer sein. Und daran scheitern leider die meisten, v.a. im Bereich des Hausbau. Wer kauft denn bei dir ein Haus, wenn niemand weiss, dass es dich gibt, was du für tolle Sachen machen kannst und bereits gemacht hast, wie gut die Qualität deiner Arbeit ist…etc. etc. Und dank digitaler Medien ist man leider heutzutage immer und überall vergleichbar. Will sagen, potentielle Kunden und Interessenten kommen sehr leicht an Infos heran, was gut oder schlecht ist, bei wem man bauen kann und bei wem lieber nicht. Mache ich keine Werbung und alles o.g. dann entziehe ich mich diesem Vergleich, was zu 99% den Eindruck macht, dass man sich der Konkurrenz nicht stellen mag und will (weil zu schlechte Qualität, etc.) oder aber dass man so etwas nicht benötigt, weil man keine Konkurrenz hat (evtl. gleichbedeutend mit sehr exklusiv und teuer). Da hängt, wie du siehst, ein riesiger Rattenschwanz dran. ;-)

    Ein letztes Bild vielleicht noch als Vergleich: Nimm mal Verkäufer in einem Autohaus….BMW, Audi, etc…im Prinzip auch egal….was verkaufen diese Leute und wie laufen die (Erfolgreichen) so rum? Richtig, braungebrannt, Boss/Armani-Anzug, gepflegtes Äußeres, etc. Wieso tun die das? Nun, ein Auto ist das 2. teuerste, was sich Ottonormalbürger leisten kann. Das geht richtig ins Geld, da muss man also schon hochgradig sauber und seriös arbeiten, will man erfolgreich sein. So, was ist jetzt das absolut und mit weitem Abstand teuerste, was sich der normale Mensch im Leben so leisten kann?? Richtig, ein Haus. Und jetzt überleg mal wie Otto Rohbauer, seines Zeichens Maurermeister mit eigener, kleiner Baufirma im Verkauf auftritt. ;-) @Anke

  1. April 12th, 2009 at 10:57 | #1