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Archive for April, 2009

…dieter gorny, ein offener brief

April 22nd, 2009

Sehr geehrter Herr Gorny,

ausschlaggebend für das Verfassen dieses offenen Briefes ist eine Meldung, die ich bei Nerdcore gelesen habe. Das Original ist hier zu finden. Die Passage, die mich antreibt, ist die folgende:

Und in Deutschland stehen die Interessensgruppen bereits in den Startlöchern. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, hakte sich sogleich bei der Ministerin ein: „Der Vorstoß der Familienministerin zum Verbot von Kinderpornografie im Internet ist ein richtiges Signal. Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums.“ Das ist die mühsam verklausulierte Forderung, unliebsame P2P-Linkseiten auf die Sperrliste zu hieven.

Fangen wir doch einfach mal vorne an – gesellschaftlich gewünschte Regulierung. Ein interessanter Ansatz, den sie da formulieren. Ich für meinen Teil kann mich nämlich nicht an laute Schreie aus der Bevölkerung erinnern, die eine Regulierung des Netzverkehrs zur Unterstützung der am Stock gehenden und hochgradig bedauernswerten Musikindustrie fordern. Vielleicht kennen sie andere Menschen als ich, naja zugegebenermaßen ist das sogar mit ziemlicher Sicherheit der Fall, aber trotzdem frage ich mich, ob diese Aussage für die Gesellschaft als solche zutrifft.

Ich lasse an dieser Stelle bewusst die Diskussion über die Sinnhaftigkeit und Effizienz von Netzsperren zur Bekämpfung von Kinderpornographie außen vor, aber: wie niederträchtig muss ein Mensch sein, den Schutz geistigen Eigentums und damit in Ihrem Falle letztendlich die Sicherung ihres Einkommens und das Überleben ihrer Industrie mit dem Schutz von missbrauchten Kindern in einen Topf zu werfen? Allein das wäre für mich schon Grund genug, sie mit Schimpf und Schande aus ihrem Amt im Bundesverband Musikindustrie zu entlassen und eine öffentliche Entschuldigung zu fordern.

Aber nun gut, sie haben es gesagt. Sie wollen den Schutz von geistigem Eigentum durch Netzsperren erzwingen. Damit gehen Sie aber auch in keinster Weise effektiv gegen den Schattenmarkt an sich vor. Wäre es nicht viel besser, klüger und vor allem zukunftssicherer, sich nicht in der Forderung von Verboten und Regularien zu verlieren sondern vielmehr den Konsumenten legalen Musikerwerb wieder schmackhaft zu machen. Durch die pauschale Kriminalisierung einer ganzen Generation erreicht man so etwas vermutlich nicht. Ich empfehle Ihnen wärmstens einen Gedankenaustausch mit Lawrence Lessig oder Dr. Till Kreutzer die ihre eigene und sehr überdenkenswerte Meinung zu einer Reform des Urheberrechts vertreten.

Außerdem – die Musikindustrie wäre nicht die erste Industrie, die sich einem wandelnden Markt angepasst hat. Nur weil man vor ein paar Jahren die initiale Chance zur Erschliessung neuer Märkte nicht erkannt oder nicht genutzt hat, muss man jetzt für sein Versagen nicht die Verbraucher verantwortlich machen.

Es ist nun einmal Tatsache, dass sich die Medienlandschaft im Wandel befindet. Und für Sie ist es an der Zeit, diese Tatsache zu akzeptieren und verantwortlich zu handeln.

Und verantwortliches Handeln bedeutet NIE das Ausnutzen des Leides andere Menschen. Vor allem nicht derer, die sich nicht wehren können. Und es bedeutet auch nicht das Kriminalisieren von breiten Schichten der Bevölkerung.

Nachbemerkung: Ich weiß, dass dies nur ein kleines und unbedeutendes Weblog ist. Dennoch würde ich mich freuen, wenn alle Leser diesen offenen Brief weiterverbreiten, damit er vielleicht einmal seinen Empfänger erreicht. Vielen Dank.

Gedanken, Medien, Musik , , ,

…politik schon wieder

April 21st, 2009

Nach den aktuellen Entwicklungen in Sachen Netzsperre, den Klassikern wie Vorratsdatenspeicherung und der allseits bekannten anderen Lustigkeiten, die im Moment so aus Berlin geliefert werden, habe ich die Gunst der Stunde genutzt und die von Herrn Schneider und mir ins Leben gerufene Plattform Think Politics erneut ins Gespräch gebracht.

Ich fühle mich allerdings gleichzeitig auch intern dazu aufgefordert (anders gesagt: ich will es loswerden), was mich dazu bewegt, mich dergestalt zu engagieren:

Ich als Bürger dieses Landes fühle mich momentan von keiner der aktuell existierenden Parteien in einem adäquaten Maße repräsentiert. Die Volksparteien CDU und SPD sind für mich schon lange keine Volksparteien mehr, sondern mehr oder weniger – je nach Thematik und der Masse an Geld, die im Spiel ist oder der Möglichkeit, die persönlichen Freiheiten der Bürger mehr und mehr zu beschneiden – Handlanger und Lakaien der Industrie oder der jeweiligen Lobby. Die kleineren Parteien wie FDP oder Die Grünen haben hingegen in meinen Augen sowohl zu wenig Durchschlagskraft als auch dass sie mir parteipolitisch ebenfalls nicht zusagen. Weitere Parteien sind in meinen Augen nicht diskutabel.

Und genau hier liegt das Problem. Ich kann und möchte nicht mit einem Kompromiss leben, vor allem wenn keine der Parteien mir das Gefühl gibt, in den Bereichen, die mir persönlich am Herzen liegen, eine herausragende Kompetenz zu besitzen. Ich vermute einfach mal, dass ich mit dieser Art Gefühl nicht alleine dastehe.

Daher ist die Frage im Prinzip also nur, was man tun kann? Wo sollte die politische Macht im Land liegen? Meiner Meinung nach beim Volk. Also sollte das Volk in der Parteienlandschaft widergespiegelt werden.

Aus diesem Gedanken heraus ist das Think Politics-Netzwerk entstanden. Bisher sind wir nicht viele, aber worum es geht ist folgendes. Zunächst einmal halte ich es für wichtig und erstrebenswert, ein Mission Statement zu erarbeiten. Gerade in den Bereichen persönliche Freiheit, informationelle Selbstbestimmung, neue Medien und der Umgang mit ihnen in einem politischen, freiheitlichen und urheberrechtlichen Kontext sehe ich gravierenden Handlungsbedarf. Ich würde mir wünschen, dass auf dieser Plattform ein Dialog entsteht aus dem eine Initiative entsteht.

Jeder spricht davon, dass wir uns in einem Paradigmenwechsel befinden. Die Gesellschaft wird mobiler, klassische Strukturen der Medienrezeption weichen zusehends auf und verändern sich, Computer und Internet bieten unserer Generation und den Folgenden Möglichkeiten, die vor 10 Jahren noch undenkbar waren (auch vor 5 Jahren noch). Aber genau diese tiefgreifende und umfassende Veränderung der Gesellschaft findet keinerlei passendes Gegenstück in der politischen Landschaft.

Und das müsste sich ändern. Das sollte sich ändern. Sonst sehen wir uns auch in 5 Jahren noch mit Problemen konfrontiert, die heute technologische und informationelle Weiterentwicklungen bremsen oder verhindern. Ein antikes Urheberrecht und das offensichtliche Unverständnis der amtierenden Politiker für Entwicklungen im Internet sprechen hier für sich.

Also, wenn jemand von euch sich durch diesen Text angesprochen fühlt und auch das Bedürfnis hat, sich in einfacher Art und Weise politisch zu engagieren, der sollte sich auf http://thinkpolitics.mixxt.de anmelden und seinen Beitrag leisten.

Außerdem würde ich mich freuen, wenn ihr diesen Beitrag weiterverbreitet soweit es euch möglich ist.

Gedanken, Politik ,

…wertigkeit im digitalen zeitalter

April 6th, 2009

Da ich noch an meinem persönlichen re:publica-Rückblick schreibe, möchte ich diesen kleinen Gedanken davon losgelöst schon mal mit meiner Leserschaft teilen:

Woher kommt es, dass es für uns Kopfarbeiter so schwer ist, für unsere Arbeit vernünftig entlohnt zu werden?
(Disclaimer: Das ist verallgemeinert. Es gibt durchaus auch Kunden, denen die Mühe digitaler Arbeit bewußt ist, und wo die gleich geschilderten Probleme nicht auftauchen.)

Ich bin Webdesigner. Grafiker. Konzepter. Nennen wir es, wie wir wollen, ich bin jedenfalls kein Handwerker im klassischen Sinne. Und genau das macht es für mich so schwierig, meine Arbeit angemessen entlohnt zu bekommen. Man hört so oft Aussagen wie beispielsweise “Ach, das musst du doch nur eben mal programmieren…” oder “Dann da noch schnell ein Bild rein, das dauert ja nicht lange…” oder auch gerne “Ich hab mir das so und so gedacht, das musst du ja nur schnell umsetzen”. Die Liste kann ich beliebig fortsetzen.

Wenn man den entsprechenden Leuten dann einen marktüblichen und fairen Preis nennt, fallen diese meiste recht schnell aus allen Wolken. Und der Grund, den ich dafür ausgemacht habe, ist ein Phänomen, was ich “Schreiner-Problematik” getauft habe. Folgendes:

Wenn ich als Kunde zu einem Schreiner gehe und sage “Lieber Schreiner, mach mir doch bitte einen Tisch und sag mir was es kostet”, dann könnte der Schreiner beispielsweise “Natürlich lieber Kunde, hier schau mal, diese Eiche, da geh ich jetzt hin und klopf dir deinen Tisch da raus. Du siehst, das dauert seine Zeit und deswegen kostet es auch ein wenig mehr, als wenn du etwas von der Stange kaufen würdest” antworten. Alles wäre klar, unter Inaugenscheinnahme des Holzklotzes kann auch ich als Laie nachvollziehen, dass es wohl eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen dürfte, bis der Tisch fertig ist. Also zahle ich den geforderten Preis, denn man möchte den Handwerker ja nicht beleidigen.

Was aber passiert jetzt, wenn dieser Dialog mit einem Webdesigner geführt wird? Der Kunde gibt einen Auftrag, ich nenne einen Preis, er wird natürlich einen der oben genannten Sätze sagen und versuchen mich im Preis zu drücken.

Warum?

Ganz einfach: Der Kunde hat nichts in der Hand. Es gibt einfach keinen Holzklotz, den er sich anschauen kann und sagen kann “Oha, das sieht nach Arbeit aus”. Für ihn gibt es nur die am Ende stehende Datei, das Bild, die Webseite oder was auch immer. Den Entstehungsprozess, der ja im Wesentlichen im Rechner oder im Kopf stattfindet, bekommt der Kunde wenn überhaupt nur in sehr eingeschränktem Maße zu Gesicht – eben anders als bei dem Klotz Holz.

Und das macht es für viele nach meiner Meinung so schwer, für digitale Dienstleistungen einen angemessenen Preis zu zahlen. Der Wille, digitale Dienstleistungen als wirkliches Handwerk zu begreifen (Denn das ist es, jawohl. Leicht daran zu erkennen, dass ich mich mit der IHK beschäftigen durfte, als ich ausgebildet wurde.) ist leider noch nicht sehr ausgeprägt.

Nebenbei bemerkt glaube ich, dass uns diese Denkweise, wenn sie sich nicht radikal verändert, in ein paar Jahren vor gewaltige Probleme stellen wird. Was passiert, wenn digitale Bücher sich durchsetzen? Wenn es immer weniger CDs geben wird? Nur weil wir etwas nicht anfassen können, ist es doch nicht weniger wert.

Daher glaube ich, dass ein Paradigmenwechsel stattfinden muss – weg von dem Gedanken, dass nur haptisch Erfahrbares wirklich Wertvolles beinhaltet und hin zu einer Denkweise, die die kreative Leistung – egal, ob sie sich in etwas Sächlichem oder etwas rein Digitalem niederschlägt – zu würdigen weiß und diese Leistung auch entsprechend belohnt.

Gedanken , ,